Wenn das Kloster lebendig wird

Klostermauer

Noch strahlt dieser Ort Ruhe aus. Noch ist an diesem Septembermorgen im Klostergarten nichts zu hören außer Blätterrauschen und Vogelgesang.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Kurz nach zehn Uhr ändert sich das schlagartig. Eine Klasse neugieriger Fünftklässler und deren Klassenlehrerinnen treten in den Empfangsraum des Klosters Memleben. Aufgeregt schauen sie zu Sylke Müller, der Betreuerin der Museumspädagogik. Sie begrüßt die Kinder in einem schwarzen Habit mit einem „Ora et labora“, „Bete und arbeite“. Dieser Spruch soll der Leitsatz für die folgenden Stunden werden. Nach einer kurzen Einführung geht es los: die Kinder treten in die sonst so besinnliche Welt des Klosters ein. Jetzt füllt sich das Gelände mit Leben. Frau Müller lotst die Kinder auf eine Aussichtsplattform. „Wir haben Wege, die benutzt werden können. Ihr müsst nicht über´s Gras rennen“, ruft sie einigen Schülern hinterher. Ordnung muss schließlich sein! Oben auf dem Plateau aber beruhigen sich alle schnell und lauschen den Erzählungen der Betreuerin. Könige und Kaiser hätten hier gelebt. Und Mönche. Und um einen Eindruck zu erhalten, wie vor allem letztere ihr Leben bestritten haben, geht es auch schon durch die alten Klosterbögen hinüber in den Veranstaltungsraum.

Geschichte einmal anders

Dort angekommen erzählt die Pädagogin Geschichten zu den Mönchsbildern an der Wand. Interessiert verfolgen die Jungen und Mädchen den Ausflug in die Vergangenheit. Fragen bleiben dabei nicht aus. Warum die Mönche denn diese komische Frisur hätten und ob es nicht total bescheuert sei, Männer und Frauen im Kloster zu trennen, weil es ja dann bald keine Mönche mehr geben würde – Frau Müller hat auf alles eine Antwort. Sie betreut die Museumspädagogik schon seit sieben Jahren. Nach der theoretischen Einführung dürfen die Schüler nun selbst zu Mönchen werden. Alle ziehen mit großer Freude die Kutten an. Ein aufgeregtes Gemurmel

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

erfüllt den Raum. Es steht die Wahl des Abtes oder der Äbtissin an, immerhin muss ja jemand die Leitung übernehmen. WahlDie Kinder dürfen selbst festlegen, wer der Anführer der Gruppe werden soll. Eine geheime Wahl auf Wachstafeln bestimmt schließlich den Abt. Ausgestattet mit einer Kreuzkette und einem Abtsstab darf der Gewählte nun über seine Mitschüler bestimmen und verteilt auch sogleich Aufgaben.

Aufgaben müssen die Kinder auch im Klostergarten absolvieren. Zuvor noch schnell auf die Stufen gestellt, um ein Erinnerungsfoto vor einer tollen Kulisse zu haben, geht es auch gleich gesittet in Zweierreihen in den Garten. „Ich setzte meine Kapuze auf, das sieht cooler aus“ stellt ein Junge auf dem Weg fest. Die Kapuze bietet zugleich etwas Schutz vor den frischen Winden, die ab und an durch die Gemäuer pfeifen. Die nächste scheinbar kniffelige Herausforderung steht bevor: Die 26 Kinder sollen sich in etwa gleichgroße Gruppen aufteilen. Ein wildes Gewusel entsteht und die Aufgabe scheint schwieriger als gedacht. Aber nach einer kleinen Hilfestellung durch die Lehrerin sind alle Grüppchen bereit, den Garten zu erkunden. Ein Quiz führt die eine Gruppe zuerst zu dem Kräutergarten, eine andere zum großen Ginko-Baum in der Mitte des Gartens. Nachdem die schnellste Gruppe das Spiel für beendet erklärt, versammeln sich alle an der Bank neben dem Baum.

Lehrstunde im Freien

MüllerSylke Müller wertet nicht nur die Fragen aus, sie hat auch einige Pflanzen als Anschauungsmaterial aus den Gärten gepflückt, die die Kinder mit allen Sinnen erleben können. Da reiben die kleinen Hände am Fenchelkraut und eine empörte Stimme lässt verlauten: „Ihh, das riecht ja wie Lakritz!“. Besser kommt frischer Pfefferminz an, dessen Duft sich selbst ohne Reibung in der Luft verteilt. Die weichen Salbeiblätter wandern von den Händen an die Zähne und es wird kräftig gerubbelt. „So haben sich die Mönche früher die Zähne geputzt. Salbei wirkt zudem entzündungshemmend“, erklärt die Pädagogin. Von den vielen Gerüchen und Geschmäckern knurren einigen schon die Mägen. Die Kinder müssen sich noch ein kleines bisschen gedulden.

Bevor es in den Speisesaal geht, macht die Klasse einen kurzen Abstecher in die Krypta. Die Gruppe sammelt sich vor dem Gebäude. KryptaFrau Müller bittet um Ruhe. Die aufgeregten Unterhaltungen wandeln sich spätestens in den Gemäuern in Schweigen. Nur vereinzelt wird noch getuschelt. Die kleinen Füße tabsen auf den Holzstufen nach unten. Der dunkle Raum mit den vielen Säulen und Kerzen hat eine ganz besondere Atmosphäre. Alle beten gemeinsam und beschließen Zeichen, die während der Mahlzeit benutzt werden sollen. Denn Mönche reden nicht viel – und beim Essen schon gar nicht. Wenn zum Beispiel der Abt die Hände langsam nach unten senkt, bedeutet das: man darf sich setzen. Nachdem alle Regeln einstimmig beschlossen worden sind, geht es über den Hof hinüber zum Speisesaal. Bevor sich die Schüler Händejedoch an die Tische setzen dürfen, müssen sie sich die Hände mit Seifenkraut waschen. Natürlich mit dem aus dem Klostergarten. Der Abt bittet zu Tisch. Alle halten sich an die Regeln und versuchen nicht zu reden. Der Ton der Holzlöffel,

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

die auf die Keramikteller treffen, ist präsenter. Nach dem Drei-Gänge-Menü räumt jeder seinen MahlPlatz selbst auf. Die Gruppe kehrt zurück in den Veranstaltungsraum und die Kinder dürfen die Kutten ablegen. „Die sind manchmal auch ganz schön unpraktisch, vor allem beim Treppensteigen“, wurde frühzeitig festgestellt. Jetzt heißt es eine viertel Stunde Pause, die mit Toben auf dem Klostergelände verbracht wird. Jeder kleinste Winkel wird dabei erkundet. Erneut erfüllen aufgeregte Kinderstimmen die Klosteranlage.

Ein Souvenir aus dem Kloster

Mit neuer Energie sollen die Kinder nun noch den letzten Teil des Mönchsalltags absolvieren. Während eine Gruppe im HandMuseum Antworten auf die Fragen zum Leben der Mönche für ein weiteres Quiz sucht, übt die andere bereits fleißig mit Federn und Tinte das Schreiben der karolingischen Schrift. „Das ist doch gar nicht schwer“, stellt eine Schülerin fest und zeigt ihre ersten Schreibübungen der Lehrerin. „Ich kann meinen Namen nicht schreiben, es gibt kein W“, ertönt es aus der anderen Ecke des Raumes. Diesen Buchstaben, genauso wie das Y, dürfen die Kinder aus dem jetzigen Alphabet übernehmen. Die ein oder andere kratzende Feder stößt auf ein empfindliches Ohr. Die Tinte wandert auch schon einmal auf die Finger oder ins Gesicht. Am Ende des Tages schreibt jedes Kind seine eigene Urkunde, die Frau Müller mit einem Siegel verziert. Damit nehmen die Kurzzeitmönche nicht nur die Erinnerung an einem Tag im Kloster Memleben mit nach Hause, sondern auch ein Schriftstück, das Zeuge davon ist.

_________________________________________________________________                                               

Information:

Das Programm „Lebendiges Kloster“ kann auch von kleinen Privatgruppen, zum Beispiel für Geburtstage, gebucht werden. Einzelne Änderungen sind möglich. Das komplette Programm dauert fünf Stunden, ein Kurzprogramm drei. Es richtet sich an Kinder, die bereits schreiben können. Die Altersbegrenzung nach oben ist offen.

Die Klosteranlage ohne Programm zu erkunden, empfiehl sich für Groß und Klein. Verliebte Pärchen können im Klostergarten picknicken, Geschichtsinteressierte finden in den verschiedenen Ausstellungen und Filmvorführungen reichlich Informationen. Die interaktiven Elemente beziehen aber auch das junge Publikum mit ein. Die Krypta wird nicht nur als Gebetsort genutzt, hier kann auch geheiratet werden. Verschiedene Veranstaltungen wie „Pilates im Klostergarten“ oder auch „Belebtes Kloster“, bei dem Besuchern die Möglichkeit haben, mit Benediktinermönchen in Kontakt zu treten, bieten interessante Zusatzangebote. Übernachtungen im Kloster sind auch möglich.

Öffnungszeiten:

Vom 15. März bis 31. Oktober täglich 10-18 Uhr
Vom 01. November bis 14. März kann von 10-16 Uhr die Außenanlage besucht werden.

Eintritt:

Der Eintritt für die Klosteranlage inkl. Museum kostet für Erwachsene 6,00 Euro pro Person, Schüler und Studenten zahlen 3,50 Euro.

Alle Informationen unter www.kloster-memleben.de

Tipp:

  • Wer absolute Ruhe sucht, sollte das Kloster donnerstags und freitags meiden. An diesen Tagen finden meistens die museumspädagogischen Programme statt.

FacebookTwitterEmailGoogle+